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Unerreichbar

Vorgestern war bei mir Unerreichbar-Samstag. Das ist ein Tag, der selten genug vorkommt und mich dann trotzdem in nervöse Zuckungen versetzt. Ein Tag, an dem das Handy aus bleibt (beziehunsgweise ausgeschaltet wird, nachdem der Facebook-Post abgesetzt ist, der erkärt, dass ich ab sofort unerreichbar bin), der Rechner nicht oder erst spät am Abend hochgefahren wird und meine Zeit ganz und gar mir und meinem Liebsten gehört.

 

Theoretisch soll der Unerreichbar-Samstag mir ein Stück Freiheit schenken. Die Freiheit, mich nicht ständig und sofort um alles mögliche zu kümmern, sondern mich auf mich zu konzentrieren. Die Idee ist gut – und geht in die gleiche Richtung wie dieser Post meiner geschätzten Kollegin Livia Schilling. Allein, ich glaube wir zäumen das Pferd von hinten auf.

 

Ich bin doch nicht dauererreichbar, nur weil mein Handy an ist. Ich bin dauererreichbar, weil ich verlernt habe, das Klingen auch mal zu ignorieren. Bei mir nimmt das einigermaßen heftige Formen an. Inzwischen ist das Handy, das keinen Namen hat, weil alle seine benamten Vorgänger erschreckend schnell über den Jordan gingen, deshalb zumindest nachts aus. Aber oft genug ist der erste Gang am Morgen nicht der ins Bad, sondern der zum Handy. Beim Zähneputzen checke ich das erste Mal Mails und die neuesten Facebook-Posts. Das kann man erschreckend finden, ich finde es effizient.

 

Mich enstpannt es nicht das Handy auszumachen. Mich entspannt es, Dinge zu tun, die mir Spaß machen und zu wissen, falls etwas dringend ist, bin ich erreichbar. Mich ständig zu fragen, ob ich gerade einen wichtigen (geldbringenden) Anruf verpasse, versaut mir den Spaß an jedem Ausflug. Davon bekomme ich besagte nervöse Zuckungen. Da habe ich das Handy doch lieber in der Tasche – auf stumm geschaltet vielleicht, aber in Griffweite, um hin und wieder zu kontrollieren, was los ist.

 

“Und ich bin selber eine Geisel der Erreichbarkeit geworden: Gehe nicht mehr ohne Äppelchen aus dem Haus. Verbinde selbiges via Bluetooth mit dem Auto, damit ich dort ungestraft schwatzen kann. Checke in freien Sekunden E-Mails und soziale Netzwerke” schreibt Livia in ihrem Blog.

 

Ich verstehe, ehrlich gesagt, die Aufregung nicht. Was ist denn schlimm daran, statt im Wartezimmer eines Arztes sinnlos Zeit zu vertrödeln, Mails, Facebook und Twitter zu kontrollieren und zu beantworten? Was ich in der Zeit schaffe, muss ich abends nicht mehr machen. Und es gibt keine effizientere Art, Telefonate zu führen als im Auto. Man wird nicht abgelenkt wie am Schreibtisch, und hat, wenn man am Ziel ankommt, gleich wieder ein paar Dinge geschafft.

 

Ja, ich gehe auch nicht ohne mein Smartphone aus dem Haus, drehe unterwegs sogar wieder um, wenn ich merke, dass ich es vergessen habe. Aber, zur Hölle, dieses Teil ist mein Büro, mein Gedächtnis und mein Herz. Die netten SMS vom Liebsten sind da ebenso drin wie der Kalender, ohne den ich nicht mal wüsste, was ich morgen eigentlich machen soll. Teilweise mache ich Sitzungsnotizen damit, weil ich die – anders als meine tausend Zettel – nicht in genau dem Moment verlegt haben kann, wenn ich sie wieder brauche.

 

Gewiss, ich bin exzessiv, wenn es um mein Handy geht. Ich neige zu grob unhöflichem Verhalten, wenn ich mitten im Gespräch auf mein Handy schaue, sobald es eine neue Facebooknachricht oder E-Mail mit seinem flirrenden Klingeln ankündigt. Aber dafür kann doch um Himmels Willen das Telefon nichts. Liebe Livia, du kannst fordern, dass man Leute wie mich ab und an abschaltet, aber lass doch bitte unsere Smartphones leben!


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Foto: Anita Grasse

Foto: Anita Grasse

Manchmal bin ich meinem Freund ein bisschen peinlich. Wenn es um meine Art zu entspannen geht, zum Beispiel. Dass ich es herrlich erholsam finde, mich einer stundenlangen Trash-TV-Orgie hinzugeben, findet er anstrengend. Während ich mich von Privatdetektiven zu Schulermittlern zu Psychologen zu zickigen Bälgern zappe und mit jeder verkrachten Bildschirmexistenz meine Probleme und meinen Ärger immer ein bisschen harmloser finde, bekommt er Migräne von den keifenden, quietschenden, schreienden Stimmen.

Da ist ihm Hobby Nummer zwei schon lieber, wenn er darüber auch nicht gerade in Begeisterungsstürme ausbricht. Und, zugegeben, manchmal ist mir dieses Hobby sogar selbst ein bisschen peinlich: Ich liebe Klatsch und Tratsch aus europäischen Königshäusern. Vermutlich bin ich die am besten informierte Journalistin in Thüringen, wenn es um den künftigen Nachwuchs von William und Kate geht, um die Hochzeitsvorbereitungen von Madeleine von Schweden, den angeblichen Konkurrenzkampf von Marie und Mary von Dänemark oder die vermeintlichen Eheprobleme von Charlene und Albert von Monaco.

Es ist sozusagen das Gegenprogramm zum Trash-TV. Beides zusammen hält mich bei Laune – und in der Sicherheit, dass mein Leben doch eigentlich ziemlich gelungen ist. Das Eine führt mir vor Augen, wie ätzend es auch hätte werden können, das Andere, dass selbst die Reichen, Schönen und Adligen zu kämpfen haben. So in der Mitte, als Durchschnittsmensch, fühle ich mich nach einem Couchmarathon mit Dokusoaps im Fernsehen und einem Adelsblättchen in der Hand pudelwohl.

Dabei schaue ich mir in diesen Heftchen vor allem die Bilder an. Die Texte klingen meistens, als hätte man noch ein paar Seiten voll kriegen müssen, aber keine Zeit mehr für Recherche gehabt und sich deshalb was ausgedacht – oder die Körpersprache auf einem der großformatigen Fotos interpretiert und daraus Vermutungen zur Gebärfähigkeit, dem Geisteszustand und dem Grad der Verzweiflung/Verliebtheit abgeleitet. Aber was soll ich sagen? Ich bin eben ein Mädchen: Wenn es glitzert und funkelt, glänzt und glamourt, bin ich fasziniert. Immer schon gewesen. Wenn ich als Kind zum Fasching als Kleiner Muck ging, lag das eher daran, dass ich mich noch nicht wehren konnte. Sobald ich alt genug für eigene Vorstellungen war, blieb auch die Kostümwahl stringent. Ich ging zum zum Beispiel als Dornröschen, in einem Kleid aus einer mit blauen Rosen bedruckten Gardine, das meine Mutter selbst genäht hatte. Meine Krone war mehr ein Diadem, dessen gestärkte Tüllspitze mit vier oder fünf Strahlen bunter Pailletten glänzte. Bilder von Königskindern anzusehen, ist sozusagen, als ob das Prinzessinnenspielen in die Erwachsenenwelt gerettet worden wäre – zumal die aktuellen Prinzen und Prinzessinnen inzwischen mehr oder weniger in meinem Alter sind.

Und wegen eben dieser Bilder kaufe ich trotz aller Mängel billige Adelsheftchen. Würde man in Sachen Niveau eine Nummer höher ins Zeitschriftenregal greifen, bliebe man bei Gala, Bunte und Co. hängen, aber bei denen muss man sich erst seitenweise durch Jenny Elbers-Elbertzhagen und Heidi Klum blättern, um mal einen Schnipsel königlicher Berichterstattung zu bekommen. Viel zu nervig, denn was die beiden machen, interessiert mich mal so gar nicht. Deshalb werde ich also weiter hin und wieder meine Adelpostillen kaufen und regelmäßig ihre Online-Pendants besuchen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, peinliche Hobbys einzugestehen: Ja, ich höre auch gern Schlager.


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Petra Pan

Ich ändere meinen Namen. Nennt mich Petra Pan!

In Nimmerland lebe ich ja schon, in einem Land, in dem man nicht älter werden kann.

 

Anfang März habe ich angefangen, einen Ort zu suchen, um meinen Geburtstag im Juni zu feiern. Ich hielt mich für vorbildlich, weil ich so früh anfing. Schon einer der ersten Anrufe belehrte mich eines Besseren: Die Dame, die einen Gemeinderaum nahe des Domplatzes in Erfurt verwaltet, kam vor Lachen nicht mehr in den Schlaf. Hätte ich vor einem Jahr angefragt, hätte ich eventuelle eine Chance gehabt, ließ sie mich wissen. Na gut, das war ärgerlich, weil der Ort perfekt gewesen wäre, aber ich war immer noch sicher, dass sich schnell eine Alternative finden würde. Also Schultern zucken und weiter.

 

Um die Sache abzukürzen: Jetzt haben wir April – und ich noch immer keine Location. Die alte Mühle, in der wir schon so oft gefeiert haben: Ausgebucht bis in den Herbst, Pulvermagazin auf dem Petersberg, das kleine Steingewölbe einer Destillerie, die umgewidmete Kirche im Vorort: Zu teuer. Ein Biergarten, ein weiterer Gemeinderaum, eine Stadtteilbegegnungsstätte: Müssen um 22 Uhr geräumt werden.

 

Ich bin am Ende.

 

Jetzt habe ich alle evangelischen Kirchengemeinden in Erfurt angeschrieben, aber auch hier flattern nur Absagen ins Haus. Sieht also so aus, als würde ich ewig 29 bleiben.

 

Für den Fall, dass jemand noch eine Idee hat, um Nimmerland wieder in Thüringen zu verwandeln:

Ich suche einen Ort, um draußen zu feiern, der aber zugleich eine Schlechtwettervariante anbietet, am liebsten in Erfurt oder der näheren Umgebung, für 30 bis 40 Leute, am 8. Juni oder einem der sechs Samstage danach, Selbstversorgung (keine Verpflichtung bei einem Restaurant oder ähnliches) für maximal 100 Euro Miete.

 

Ich bin dankbar für jeden Tipp, denn ehrlich: Petra ist nun wirklich kein Name, der mir steht.


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Alte Träume entstauben

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Foto: Anita Grasse

Kürzlich habe ich alte Träume wieder gefunden. Irgendwie waren sie in den vergangenen Jahren verloren gegangen, dabei waren sie mal so wichtig für mich gewesen. Nach dem Studium, die Zusage für das Volontariat in der Tasche, war das Ziel klar – ebenso wie der Weg. Ein Tageszeitungsvolontariat sollte es sein, weil ich glaubte, damit die beste, weil vielseitigste, Ausbildung zu bekommen. Danach wollte ich das Gelernte nutzen, um Kindern die Welt zu erklären. Das war zu einer Zeit lange vor “Mein Spiegel”. Ich träumte von einem Magazin für Kinder, das seine Leser ernst nimmt – ernster als so manche Frauenzeitschrift ihre. Es sollte die großen Nachrichten enthalten ebenso wie menschelnde Erzählgeschichten. Für Kinder aufbereitet, aber nicht zwangsläufig immer aus ihrer Perspektive erzählt. Ich war überzeugt, dass es kein Thema gibt, für das man zu jung sein kann. Ich war überzeugt, dass es lediglich eine falsche Art gibt, sie zu erzählen – eine unverständliche, komplizierte, wenig erklärende. Das wollte ich anders machen.

Doch dann passierte das Leben. Die Zusage zum Volontariat hieß noch lange nicht, dass ich das Volontariat auch antreten konnte. Anderthalb Jahre dauerte es, bis die Warteliste mit Volontären, die vor mir dran waren, abgearbeitet war. Anderthalb Jahre, die ich nutzte, einen kleinen Teil der Welt kennen zu lernen. Für Kinder zu schreiben, das Schreiben überhaupt, rückte in den Hintergrund. Als sich das wieder änderte, gab es bei der Thüringer Allgemeine keine Kinderseite. FSK16, die Seite für Jugendliche, war eher ein Sammelsurium aus Meldungen der schillernden Showwelt als ein Platz für innovativen Journalismus für junge Leute. Nach dem Volontariat, als Freiberuflerin, als Zeit und Gelegenheit gewesen wären, sich daran zu machen, Träume zu realisieren, hatten die sich schon still und heimlich davon gemacht.

Jetzt habe ich sie wieder gefunden, oder vielleicht haben auch sie mich wieder gefunden. Vielleicht haben sie auch nur auf den richtigen Zeitpunkt gelauert. Der ist jetzt da. Curcuma Medien nimmt Fahrt auf. Neue Aufträge müssen akquiriert, neue Geschäftsfelder erschlossen werden. Es ist die Zeit, sich über die Strategie Gedanken zu machen, die hinter unserem Unternehmen stehen soll. Es ist die Zeit für Visionen, mancher sagt auch für Träume. Nur wer sich zu träumen traut, kann über sich hinaus wachsen, die Grenzen sprengen, die der Selbstständigkeit angeblich gesetzt sind. Vielleicht bedeutet das für mich, endlich für Kinder zu schreiben. Ein eigenes Kindermagazin wird es nun nicht gleich werden. Braucht es aber auch nicht mehr. Themen für bestehende Blätter aber liegen zu Dutzenden in meinen Recherchearchiven und warten nur darauf, wieder entdeckt und angeboten zu werden.

Fühlt sich gut an, die Träume wieder willkommen zu heißen. Deshalb habe ich mich selbstständig gemacht und bin es geblieben: Weil es mir erlaubt, selbst zu entscheiden, was ich tue und wann ich es tue. Jetzt träume ich eben wieder.


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Winter ist eine Frage der Perspektive

Dieser Text ist am 26. Januar 2013 in der Lokalausgabe Bad Langensalza der Thüringer Allgemeine erschienen.

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Bad Langensalza. Fünf Grad unter Null. Als ich vor der Friederikentherme in Bad Langensalza aus dem Auto steige, fühlt sich der Winter schrecklich an, und ich fange an zu zweifeln, ob es eine gute Idee war, dem ausgerechnet mit einer Kältetherapie zu begegnen. 110 Grad unter Null erwarten mich in der Therme, obwohl dort schon das Foyer kuschelig warm ist.

Und auch die Kältekammer sieht harmlos aus. Ein Zimmer im Zimmer, verkleidet mit dicken Metallwänden und -türen. Durch beschlagene Fenster kann man ins Innere sehen. Die Kammer sieht aus wie eine Sauna ohne Bänke. Rundherum mit hellem Holz ausgekleidet, gerade so groß, dass man beim Im-Kreis-Laufen keinen Drehwurm bekommt. Und im Kreis laufen soll ich gleich, erklärt mir Sabine Heyer, die die Kälte- oder Cryotherapie, wie die Anwendung im Fachjargon heißt, durchführt. “Nicht hektisch werden, sonst wird es mit der Luft knapp”, rät sie noch, dann darf ich mich umziehen.

Wenn man nicht gerade bei der Zeitung arbeitet, sollte man sich in der Kältekammer besser nicht fotografieren lassen. Mütze, Wollhandschuhe, Mundschutz, Socken und Schnürstiefel zum Badeanzug sehen nicht wirklich sexy aus - und fühlen sich auch nicht so an. Aber die Kälte soll ja an meine Haut, sonst kann sie nicht wirken.

Wer das hier nicht nur aus Neugier macht, sondern als Therapie, hofft auf Schmerzlinderung. Vor allem bei rheumatischen, entzündlichen und einigen Hauterkrankungen kann die Kältekammer helfen. “Wir können nicht die Krankheit behandeln, aber die Schmerzen, die oft mit ihr einher gehen”, erklärt Sabine Heyer.

Mir ist mulmig zumute. Das Kameradisplay vor der Kältekammer zeigt drei Räume - und eine Temperaturanzeige. Die erste Kammer ist nur eine Schleuse, durch die ich gleich einfach hindurch gehen soll. Minus 15 Grad. Danach eine weitere Schleuse - Minus 60 Grad - und dann der Hauptraum mit Minus 103 Grad. An diesem Morgen ist die Kühlkammer noch nicht komplett hochgefahren, eine Stunde später wird sie bei 110 Grad unter Null angekommen sein.

Sabine Heyer kontrolliert, ob ich allen Schmuck entfernt habe und Handschuhe, Mütze und Mundschutz richtig sitzen, dann wirft sie einen dicken Wintermantel über und öffnet die Tür zur ersten Schleuse. Sie begleitet mich hinein und neben ihr fühle ich mich noch unpassender angezogen. Doch die erste Schleuse ist eine Überraschung: Die Minus 15 Grad fühlen sich nicht viel kälter an als die Zimmertemperatur im Vorraum. Das läge daran, dass die Luft hier drinnen so trocken sei, erklärt Sabine Heyer.

Auch die zweite Schleuse ist gut zu ertragen. Zugegeben, Minus 60 Grad sind kühl, aber ehrlich gesagt, habe ich dick eingepackt im Freien stärker gezittert als jetzt. Mein Puls macht einen kleinen Sprung, als Sabine Heyer die Tür zur Hauptkammer öffnet. Im ersten Moment bin ich nicht sicher, was ich fühle. Es ist kalt, aber der Schock, den ich erwartet hatte, bleibt aus.Sabine Heyer versichert sich, dass es mir gut geht, dann verlässt sie die Kammer und drückt draußen vor dem Fenster auf die Stoppuhr. Meine drei Minuten laufen – genau wie ich.

Ich bewege mich langsam im Kreis, beim Ausatmen verschwindet der Raum kurz hinter weißen Wolken, die aus meinem Mundschutz aufsteigen. Die feinen Härchen in der Nase kleben zusammen. Mit jeder Runde spüre ich die Kälte stärker. Die Stimme von Sabine Heyer, die mir durch ein Mikrophon alle dreißig Sekunden die verstrichene Zeit ansagt, wird mein Anker. An Oberschenkel und Po fühlt sich die Luft jetzt an, als würde ich mit einer harten, aber feinen Bürste massiert. An der Innenseite der Arme scheint die Haut dünn wie Papier und brennt. Allmählich wird es schmerzhaft, aber mich hat der Ehrgeiz gepackt. Sabine Heyer hatte mir gesagt, dass die wenigsten Patienten beim ersten Mal drei Minuten durchhalten. Nach zweieinhalb Minuten reicht es mir eigentlich, aber das will ich jetzt schaffen. Und dann ist es vorbei.

Wieder im warmen Vorraum fange ich plötzlich an, zu zittern. Als ich mich wieder anziehe, fühlt sich meine Haut an wie mit feinem Samt bezogen, den man gegen den Strich bürstet. Ich bin wie berauscht. Die Müdigkeit ist weg, die Haut ist rosig. Ich fühle mich fit und voller Tatendrang. “Ganz normal”, sagt Sabine Heyer lächelnd. In Japan sei die Cryotherapie aus diesem Grund zu einer Modeerscheinung geworden, mit der sich Manager in der Mittagspause in Form bringen. Nur eines sagt sie mir nicht: Dass ich aussehe wie ein Panda. In der Kälte bilden sich in den Wimpern kleine Eiskristalle, die in der Wärme wieder tauen - und mit ihnen die Wimperntusche.


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Perlensüchtig

Ich bin perlensüchtig. Sagt jedenfalls ein Test meines Perlenhändlers des Vertrauens, der an die Psychotest in der Bravo Girl und Mädchen erinnert, mit denen ich vor 15 Jahren ganze Schulstunden zugebracht habe. Doch während mich jede andere Sucht ängstlich machen würde, sehe ich dieser gelassen entgegen – und plündere dafür fröhlich weiter mein Konto. Was sich lohnt. Inzwischen besitze ich für jedes Outfit in meinem Schrank den passenden Schmuck, der zudem immer ein Unikat ist, weil ich ihn selber machen. Ein Hobby braucht der Mensch, und solange meines glitzert und funkelt, darf es sich gerne zur Sucht auswachsen.

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Tausche Sportler gegen Stalker

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Im Sommer waren Sport und ich noch in der Kennenlernphase. Unser erstes Date fand beim Wandern statt.

Ach ja, die Sache mit dem Sport. Seit acht Wochen gehe ich jetzt ins Fitnessstudio – mal wieder, wie jeder weiß, der diesen Post vom 3. Februar 2010 gelesen hat. Doch diesmal ist es was ernstes. Ich weiß, das sage ich immer. Aber jetzt bin ich mir sicher: Dieser Sport und ich, das ist eine echte Seelenverwandtschaft. Wir werden für immer zusammen sein – oder bis der Tod uns scheidet. Oder bis die Kollegin, mit der ich zwei Mal die Woche in besagtem Fitnessstudio verabredet bin, wieder mit ihrem Sommerprogramm beginnt.

Der Sommer beginnt für sie Anfang März. Das mit dem drei Mal die Woche Radfahren zusätzlich zu den vier Laufeinheiten, die sie ohnehin absolviert, ginge dann schon wieder. Muskelaufbau im Studio sei dann nicht mehr nötig – sagt sie. Für mich könnte das das Ende einer ab sofort lebenslangen Liebe bedeuten, denn ich habe einen sehr eifersüchtigen Stalker, der sich nur vor dieser Kollegin fürchtet. Dieser Stalker hat einen Namen. Sein Name ist Schweinehund. Innerer Schweinehund.

Und er ist gerissen: Er kennt mich schon mein Leben lang und er weiß Dinge über mich, die meine neue Liebe, Herr Sport, erst noch lernen muss. Er weiß, dass ich eine heiße Affäre mit der Couch hatte. Eine dieser On-Off-Beziehungen, von denen man vorher weiß, dass sie einem nicht gut tun, die aber so verführerisch und leidenschaftlich sind, dass man einfach nicht davon los kommt. Innerer Schweinehund weiß auch, dass selektive Wahrnehmung mein zweiter Vorname ist – und kann mir deshalb vorgaukeln, das Treppensteigen zum Büro in den dritten Stock sei ja eigentlich schon ein ausgedehnter Wochenendtrip mit Herrn Sport gewesen.

Wenn die Kollegin also in sechs Tagen zum letzten Mal mit mir zum Training geht, werde ich Anzeige erstatten. Ich fürchte nur, wer Inneren Schweinehund wegen Stalkings anzeigt, könnte vielleicht bei der Polizei nicht so prioritär behandelt werden, wie ich es bräuchte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Dramatik und das gemeingefährliche Potenzial der Situation eindringlich genug werde schildern können.

Klappt das nicht, bleiben mir nur  noch zwei Alternativen. Option Nummer eins: Ich wette mit meinem Büronachbarn, dass ich mein Sportprogramm zwei Mal die Woche auch so durchhalte. Das wäre eine Option, wenn dieser nicht seit Jahren ständig ähnliche Wetten mit einem anderen Kollegen laufen hätte – der ihm seither grob über den Daumen gepeilt dreißig Kisten Champagner schuldet. Eine Schuld, die nie eingelöst wird – ebenso wie der Verlierer je zum Sport gehen wird. Bleibt Option Nummer zwei: Ich finde einen neuen Trainingspartner, der Innerem Schweinehund ebenso viel Angst einjagt wie die Kollegin, die mich jetzt schon durch sieben erfolgreiche Wochen gebracht hat.

Wie sieht es aus: Traut sich jemand zu, mit meinem Stalker fertig zu werden? Wir treffen uns bei McFit in Erfurt – sagt mir nur wann!

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